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Dipl.-Psych. Christoph Pfundt

Therapiekonzept

Die Verhaltenstherapie (VT) ist ein wissenschaftlich erforschter, klinisch-psychologischer Heilkundeansatz, durch welchen abweichende Verhaltensmuster erklärt und behandelt werden können. Er vereint eine große Anzahl verschiedener Techniken und Behandlungsmaßnahmen, die je nach Art der vorliegenden Problematik miteinander kombiniert werden. Ziel ist es, die problematischen Verhaltensweisen durch neue, adäquate, situationsangemessene Verhaltensweisen zu ersetzen.

Die Grundprinzipien der VT lauten:

  • VT ist problemorientiert, setzt also an der gegenwärtig bestehenden Problematik an.
  • VT beleuchtet die Bedingungen, unter denen ein Problem entstanden ist (Vergangenheit), wie es ausgelöst und aufrecht erhalten wird (Gegenwart).
  • VT ist zielorientiert: Therapeut und Patient legen gemeinsam das Ziel fest, das zur Lösung des Problems angestrebt wird.
  • VT ist handlungsorientiert, d.h. der Patient beteiligt sich aktiv am Therapieprozess, indem er neue Verhaltensweisen und Problemlösestrategien erprobt.
  • VT ist nicht auf die Räumlichkeiten der therapeutischen Praxis begrenzt; das Einüben neuer Verhaltensweisen findet sowohl im geschützten Rahmen der Praxisräume als auch außerhalb in alltäglichen Situationen statt.
  • VT ist transparent, indem sie den Patienten über seine Problematik und das therapeutische Vorgehen aufklärt.
  •  VT ist um ständige Weiterentwicklung bemüht und orientiert sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in experimentellen Studien gewonnen wurden.

Ab den 1990er Jahren wurde die Verhaltenstherapie durch die Schematherapie erweitert, welche Forschungserkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Bindungsforschung aufgreift. Im Fokus dieses Ansatzes stehen die emotionalen Prozesse, die an der Entwicklung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen beteiligt sind.

Die Neurowissenschaften machten durch die neu entwickelten bildgebenden Verfahren starke Fortschritte. Man konnte sehen, wie das Gehirn unter bestimmten Bedingungen arbeitet. Es wurde deutlich, dass Gefühle insbesondere beim Lernen eine wichtige Rolle spielen und die Verhaltenssteuerung des Menschen hauptsächlich von seinen emotionalen Zuständen bestimmt wird. Dieser Prozess geschieht häufig implizit, d.h. unbewusst, und ist der willentlichen Steuerung nicht zugänglich. Die Bindungsforschung beeinflusste die Entwicklung des schematherapeutischen Ansatzes gleichermaßen. Sie zeigte, dass die frühkindlichen Erfahrungen mit den Bezugspersonen das Kind in seiner emotionalen und seiner Persönlichkeitsentwicklung prägen.

Viele Störungen, u.a. Persönlichkeitsstörungen, entwickeln sich bereits in der Kindheit und Jugendzeit unter emotional überlastenden Stressbedingungen (insbesondere durch negative Erfahrungen mit den Bindungspersonen in Form von Gewalt, Missbrauch, Unterdrückung o.ä.). Die frühen Erfahrungen prägen den Menschen in seiner emotionalen Entwicklung. Um sich zu schützen, entwickelt die Psyche des Menschen bestimmte Bewältigungsmechanismen. Je nach Temperament kann die Bewältigung durch Vermeidung, Überkompensation oder Unterordnung erfolgen. Der gelernte Bewältigungsmechanismus bleibt unbewusst wirksam und steuert stereotyp, wie der erwachsene Mensch auf aktuelle Anforderungen reagiert. Er führt im gegenwärtigen Leben zu dysfunktionalen, situationsunangemessenen Verhaltensweisen. Diese können seelisches Leid bewirken, den Menschen in seiner Entwicklung hemmen und negative Konsequenzen mit sich bringen.

Ziel der Therapie ist es, die dysfunktionalen Verhaltensweisen abzubauen und gesündere Verhaltensweisen zu erlernen. In diesem Prozess soll zunächst ein hohes Bewusstsein über die Entstehung der entwickelten Bewältigungsmechanismen geschaffen werden. Dazu ist es wichtig, die verborgenen emotionalen Zustände, unter denen sie entstanden sind, zu aktiveren und dem Bewusstsein wieder zugänglich zu machen (Klärung). Nachdem die negativen Bindungserfahrungen aktiviert sind, werden sie mit den kognitiven Fähigkeiten des Erwachsenen modifiziert und in der Beziehungserfahrung zum Therapeuten korrigiert. Es werden neue, situationsangemessenere Verhaltensweisen ergründet, mit denen der Patient gegenwärtige Situationen besser bewältigen kann. Die alten Verhaltensmuster bleiben im Verborgenen zwar vorhanden; der Patient lernt jedoch, sich adäquater zu verhalten und auf die alten Muster nicht mehr „einzusteigen“.

Beispiel: Einer meiner Patienten litt unter starken Ängsten beim Befahren bestimmter Tunnel, in Aufzügen oder engen Räumen. Auslöser war ein physiologisch verursachtes Schwindelgefühl, das zeitgleich in einem engen Raum erlebt und durch den Gedanken der Ausweglosigkeit und des Herzinfarktes noch verstärkt wurde. In einer Imaginationsübung erinnerte der Patient Gefühle von starker Angst und Hilflosigkeit dem Stiefvater gegenüber, der ihn erniedrigte und auch geschlagen hatte, wenn er nicht genau das machte, was er verlangte. Dies geschah in einer beengten Wohnung. Auch die Mutter schützte ihn nicht, um die Beziehung zu dem neuen Mann nicht zu gefährden. Angst und das Gefühl, eingeschlossen, ausgeliefert zu sein und nicht ausweichen zu können, waren ständige Begleiter der Kindheit. Vor dem Hintergrund dieser erneuten emotionalen Erfahrung konnte der Patient sich leichter und vorsichtig in die graduierte Exposition begeben und Tunnel nur noch als aktivierenden Reiz eines alten Schemas betrachten, von dem er sich löste.

Die Schematherapie wurde in den 1990er Jahren von Jeffrey Young in den USA entwickelt und erfüllt die Kriterien eines allgemeinen Therapiemodells im Sinne von K. Grawe. Im deutschsprachigen Raum ist diese Therapierichtung vertreten durch Dr. E. Roediger und Prof. Dr. H. Berbalk, bei denen ich Seminare, Selbsterfahrung und Supervision belegte.

Quellen:
Margraf, J. (Hrsg.) (2000). Lehrbuch der Verhaltenstherapie (Band 1). Berlin: Springer.
Roediger, Dr. Eckhard (2016): Schematherapie. Grundlagen, Modell und Praxis. 3. Auflage. Schattauer: Stuttgart.